Sherlock (BBC): Faszination Soziopath

Bin heute zum ersten Mal seit Montag selbstständig vor elf Uhr vormittags aufgewacht und aufgestanden – ohne dass ich mir dabei gedacht habe, ich muss mich gleich wieder hinlegen. Grippe, tja, wann komme ich sonst zum Blog-Schreiben wenn nicht im Stadium forgtgeschrittener Rekonvaleszenz? Es fällt mir ja schwer, ruhig zu sein und mich auszuruhen – es gibt ja immer so viel zu tun. Was dabei hilft? Gutes TV natürlich. Diesmal habe ich die BBC-Serie „Sherlock“ entdeckt – und bin absolut begeistert. Das Wort „Serie“ stößt hier ja wieder an seine Grenzen. Denn es handelt sich um zwei Staffeln zu je drei 90-minütigen Folgen. Also sechs Mal Spielfilmlänge. Vier habe ich schon gesehen.

Die Handlung von „Sherlock“ ist in die Gegenwart verlegt, Dr. Watson (Peter Jacksons neuer Hobbit Martin Freeman) ist ein Kriegsveteran, der an Alpträumen leidet und bloggt. Und Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch) ist ein genialer, gefühlskalter und misanthropischer Egomane mit einem Faible für Handys, der wegen der hohen Londoner Mietpreise einen Mitbewohner braucht. Hier muss ich Cumberbatch ein Lob aussprechen: Ich kenne ihn ja als diesen widerlichen Lüstling aus „Abbitte“ und hätte ihn kaum wiedererkannt, so anders – und genial – ist er als Holmes. Jetzt macht er eh grad in Hollywood Karriere, spielte in Steven Spielbergs „War Horse – Gefährten“ mit und hat auch eine Rolle im „Hobbit“ sowie im neuen „Star Trek“-Film.

Ich habe Arthur Conan Doyles Sherlock-Holmes-Romane leider (noch) nicht gelesen, nur diverse Verfilmungen gesehen. Da erschien mir Holmes immer als ein bisschen arrogant, aber eigentlich ganz ein cooler Typ. In „Sherlock“ ist er viel mehr „House“ (der ja wiederum quasi ein Enkel des „originalen“ Ursachenforschers ist): Genial, gefühlskalt, rücksichtlos.

Das zeigt ein schönes Zitat aus der ersten Folge „A Study In Pink“: Ein Scotland-Yard-Mitarbeiter, den er nicht mag, nennt Sherlock Holmes einen Psychopathen. „I’m not a psychopath, Anderson, I’m a high-functioning sociopath. Do your research!“ erwidert Holmes. „Sherlock“ ist wirklich alles, was man sich von einer Serie wünscht: Spannend, überraschend, detailreich, humorvoll (britisch!) und vor allem wartet es mit faszinierenden Figuren auf. Dementsprechend erfolgreich ist „Sherlock“, nicht nur in Großbritannien. Kommendes Jahr soll er auch in New York ermitteln.

Aber wieso fesseln uns mehr oder weniger soziopathische Charaktere wie House und Holmes, ja auch Serienkiller „Dexter“, derart? Drei Überlegungen dazu:

1) Rücksichtsloigkeit: Wem macht es nicht Spaß, zuzusehen, wie House seine Scherze treibt – ohne Rücksicht auf Verluste? Ständig gehen wir in unseren alltäglichen Leben Kompromisse ein, lächeln, nicken und dneken uns das „Arschloch“ nur. Wäre doch ein willkommener Ausbruch, wenn man einem mal wirklich die Meinung ins Gesicht sagt – schonungslos und ohne Rücksicht. House/Holmes tun das an unserer statt, fungieren als Ventile. Und weil’s selten gut ausgeht, sind wir außerdem in unserer „soften“ Art voller Rücksicht auf die Gefühle anderer besätigt. Ist ja doch die leichtere Art zu leben!

2) Emtionen: Dexter, Holmes und House können nicht lieben? Das glauben wir nicht – sehen ihnen liebend gerne zu, beobachten sie, suchen nach Hinweisen darauf, dass ihre Gefühle doch intakt sind. Und fühlen uns immer wieder bestätigt: Auch wenn sie sich als Monster gebärden, sie sind Menschen. In den Momenten dazwischen denken wir uns: Wie erleichernd muss das sein, wenn einen Gefühle derart kalt ließen.

3) Ambivalenz: Man muss nicht nur gut sein, um Gut von Böse zu unterscheiden – auch das ist eine erleichterne Einsicht. Man darf ruhig Fehler machen, ein Arsch sein und gehört trotzdem noch zu den moralischen Gewinnern. Um Gut und Böse geht es in allen Krimiserien: Verbrechen werden gelöst, die Verbrecher betraft und die Ordnung wieder hergestellt. Danach kann man gut einschlafen.

Und zum Abschluss noch eine Frage: Wieso schaffen es der ORF in Österreich und ARD/ZDF in Deutschland nicht, auch nur annähernd so gute Serien auf die Beine zu stellen wie die BBC?

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