Sherlock – The Reichenbach Fall: Das finale Problem

Die Sucht, sie hat mich gepackt – und der Stoff ist leider knapp. Sechs Mal 90 Minuten, davon kann jemand, der Mengen wie „The Wire“ und „Breaking Bad“ gewohnt ist, nicht lange high bleiben. Ich habe mir am Wochenende die bisher letzte Folge der großartigen, spannenden, witzigen und grandios gespielten BBC-Serie „Sherlock“ reingezogen. Jetzt heißt es warten auf Staffel Nummer drei. Mindestens ein Jahr.

Dass ist furchtbar, wenn auch nur allzu verständlich. Gutes Fernsehen passiert nicht über Nacht (was eine hohe Produktionsdichte in kurzer Zeit mit einer Serie anstellen kann, bewies jüngst die zweite Staffel „Downton Abbey“ – teils sehr schwach). Sherlock-Darsteller Benedict Cumberbatch (der eigentlich nicht sonderlich gut aussieht, aber diese Stimme!) und Martin Freeman (absolut liebenswert) sind schwer gefragt. Cumberbatch lieferte in „Tinker Tailor Soldier Spy“ eine achtbare Leistung ab und stößt jetzt zu Freeman, der die Hauptrolle in Peter Jacksons Kino-Zweiteiler „Der Hobbit“ ergattert hat, den Hobbit Bilbo Beutlin. Ich überlege ernsthaft, ihn mir anzusehen.

Aber zurück zum Finale der zweiten Staffel „Sherlock“. Dass ab hier SPOILERALARM gilt, versteht sich von selbst, oder?

Kurz noch allgemein zu Staffel zwei: Die hat überaus vielversprechend begonnen mit „A Scandal in Belgravia“ und der grandiosen Irene Adler (Lara Pulver) als Sherlocks ebenbürtige Gegenspielerin, einer intelligenten „Dominatrix“. Der Sex-Appeal der Serie hat sich innerhalb dieser eineinhalb Stunden circa verzehnfacht. Was sage ich, verhundertfacht! Die besten Szenen habe ich mir schon ein paar Mal wieder angehen, darunter natürlich diese eine unglaubliche Szene, in der Sherlock „because I took your pulse“ sagt. Oh Mann!

Folge zwei „The Hound of Baskerville“ war nach diesem Auftakt ein wenig enttäuschend, weil gut aber nicht umferfend.

Das Finale „The Reichenbach Falls“ weist dann leider zwei Schwächen auf: Erstens Andrew Scott als Sherlocks Erzfeind James Moriarty. Er spielt ihn als Wahnsinnigen, aber schafft es nicht, ihn wirklich gefährlich werden zu lassen. Neben dem starken Duo Cumberbatch/Freeman geht Scott leider unter. Das hatte sich schon im Finale der ersten Staffel angekündigt und leider wird es zwar ein bisschen, aber nicht viel besser. Zweites Problem: Die Folge basiert darauf, dass Sherlocks Glaubwürdigkeit untergraben wird, auch bei John Watson sollen Zweifel aufkommen, ob er wirklich ein Meisterdetektiv ist oder nur ein geschickter Betrüger. Das funktioniert so aber nicht. Vielleicht wird der Druck, das Einbrechen des Images zu wenig drastisch dargestellt, vielleicht ist es mangelnde Schauspielerleistung (was ich nicht glaube), aber das kauft man denen einfach nicht ab. Das positive Image eines Sherlock Holmes ist zu stark, um es in einer halben Stunde den Bach runtergehen zu lassen.

Gerade Freeman fand ich in dieser Folge unglaublich gut: Bereits die ersten zwei Minuten, in der er seiner Therapeutin sagt, dass sein bester Freund gestorben sei – ich glaube, die halbe Zuschauerschaft ist schon an dieser Stelle in Tränen ausgebrochen. Denn er macht das sehr zurückhaltend, mit verschluckten Worten und tiefen Atemzügen, keinen Tränen. Und man leidet mit. Diese Klammer schließt sich am Ende, als er an Sherlock Holmes Grab bittet: „Don’t be dead. Would you do that for me?“ Heartbreaking.

Davor gab es natürlich noch das Grande Finale auf dem Dach des St. Bart’s Hospital – und der großen Frage: Wie hat Sherlock seinen Tod vorgetäuscht? Denn zwar hat er sich in die Tiefe gestürzt, um seine Freunde zu retten, die Moriarty mit dem Tod bedroht. Am Ende beobachtet er aber John Watson an seinem Grab – ohne einen Kratzer.

Wir wissen, er hat vorausgesehen, dass er sterben müsse und Molly Hooper, die im Leichenschauhaus arbeitet und für ihn schwärmt, um Hilfe gebeten. Die Macher der Serie haben gemeint, die meisten Zuschauer hätten da was Wesentliches übersehen am Ende. Ich glaube, ich habe das erkannt (nach drei Wiederholungen, zugegeben):

Erstens weist Sherlock John Watson an, er solle an einem bestimmten Punkt stehen – von da aus sieht Watson den Gehsteig, auf den Sherlock später aufschlägt, nicht, denn ein einstöckiges Backsteingebäude liegt dazwischen. Zweitens liegt Sherlocks „Leiche“ anders als sie müsste: Er wäre in einem rechten Winkel zur Straße aufgeschlagen, liegt aber parallel. Drittens hat er sich für John ein Ablenkungsmanöver einfallen lassen: Ein Radfahrer fährt ihn um – das gibt Sherlock Zeit und verwirrt John zusätzlich. Und viertens ist da noch der LKW mit den bunten Säcken auf der Ladefläche – sieht sehr nach Wäsche aus dem Krankenhaus aus, der genau dann wegfährt, als John zum leblosen Sherlock gelangt.

Bleibt eine Frage: Ist die Leiche ein präparierter Körper aus dem Leichenschauhaus? Handelt es sich um eine Puppe? Sie hat keinen Puls, müsste aber warm sein, sonst fiele das John Watson, der ja Arzt ist, auf. Oder ist es wirklich Sherlock, der sich tot stellt? Wie hat er dann aber seinen Puls abgestellt?

Sicher kann man davon ausgehen, dass sich a) Sherlock auf den Wäschewagen fallen lassen und dann gibt es die Möglichkeiten b1) Puppe/Leiche, die Molly rechtzeitig aus dem Fenster wirft (oder so) und b2) Sherlock, der vom Wäschewagen klettert und sich tot stellt.

Was für b1) spricht: Zu Beginn der Folge untersucht Sherlock Holmes den Tod eines Henry Fishguard, ein Fall aus einem alten, verstaubten Buch aus dem 19. Jahrhundert – deswegen hängt eine (dunkel gekleidete -> wie Sherlock) Schaufensterpuppe „erhängt“ im Wohnzimmer der beiden Mitbewohner. Und er sagt zu John auch noch: „Henry Fishguard never committed suicide. Bow Street Runners [Londons erste Polizei] missed everything.“ Das nimmt ja wohl einiges vorweg.

Dass Sherlock seine Hand Richtung John ausstreckt, könnt ein Signal an seine „Bodencrew“ sein – die „Zuschauer“ und „Ärzte“, die dann den Körper wegbringen.

Und was ist „the final problem“? Also ich denke, dass Moriarty meint, dass (mindestens) einer der beiden sterben muss. Das wird ja schon zu Beginn von Staffel zwei klar, wo Moriarty zu Sherlock sagt: „Kill you? No, don’t be obvious. I mean I’m going to kill you anyway some day.“ Und diesen Tod bereitet er bereits ab Folge 2.01 vor, als er sich die Aufmerksamkeit von Sherlocks Bruder Mycroft holt. Das finale Problem: Das Problem mit dem Tod. Und Moriarty hat mit „endgültig“  – so scheint es – weniger ein Problem als Sherlock.

Hier gibt es übrigens einen ziemlich coolen Blog zu „the final problem“:

http://finalproblem.tumblr.com/

Während wir also grübeln (ein Jahr! Mindestens!), empfehle ich Nina Simone mit „Sinnerman“ – der Song kommt in der Montage recht an Beginn von „The Reichenbach Falls“ vor, einer der wenigen „richtigen“ Songs in „Sherlock“. Und er passt großartig.

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7 Gedanken zu “Sherlock – The Reichenbach Fall: Das finale Problem

  1. Tim

    Zur Folge:
    Die Folge war in meinen Augen (Subjektiv) die beste Folge bisher. Und aufjedenfall eine Bereicherung fürs Genre ! Gerade die schauspielerischen Leistungen des Moriarty sind absolut gut und passend in unsere Zeit geschrieben. Mit Hounds of Baskerville wurde zwar in der Tat eine etwas „andere“ Episode geliefert, aber der „Reichenbachfall“, bzw „The Final Problem“ , ist Kinoreife Darstellung auf allen Ebenen !

    Zum Tod:
    Um es mit Sherlocks Worten zu sagen: Du siehst wie immer, aber denkst nicht. Mal von deinen Rechtschreibfehlern abgesehen ( Oder das du so manchen Protagonisten falsch geschrieben hast ), gibt es noch andere Möglichkeiten und, um es vorsichtig zu formulieren, Theorien. Zum Beispiel spielt Sherlock hin und wieder mit einem kleinen Tischtennisball, mit welchem man //offenkundig// seinen Puls „abdrücken“ kann. Außerdem springt bei mehrmaligem Betrachten der Folge auch die Schockattacke der Bankierstochter (?) auf, nachdem sie Sherlock sieht. Im Originalroman findet sich zudem eine Art „Doppelgänger“ Motiv wieder, die zwar nicht direkt im Zusammenhang mit den Reichenbachfall und dem „Tod“ steht, aber dennoch auch in der Vorlage erwähnt wurde.

    Man kann den Umstand leider wirklich erst aufklären, nach der Ausstrahlung der Erstepisode der dritten Staffel. Bis dahin werden sich sicher viele Theorien einfinden, aber die Drehbuchautoren haben sich sicherlich was dabei gedacht, schließlich ist das Format um Sherlock Holmes in keinster Weise schlecht durchdacht.

    mfg Tim

  2. missyarvis

    Ja, diese Theorien habe ich auch alle gelesen. Und Moriarty-Darsteller Andrew Scott wurde übrigens jüngst mit einem Bafta ausgezeichnet 🙂

    Was mich noch interessieren würde: Welche Namen habe ich fehlerhaft geschrieben? ICh würde sie gene ausbessern …

  3. L.Lane

    Der Bruder heißt Mycroft, nicht Mylock. Und einmal ist ein Tippfehler bei John (Johjn) drin.
    Ansonsten Kleinigkeiten wie „aufjedenfall“ statt „auf jeden Fall“ usw.

    Deine Überlegungen finde ich gut, denn gerade beim ersten Mal habe ich auch gegrübelt, wie zur Hölle er das gemacht haben sollte- und irgendwie musste er es gemacht haben, denn ihm war ja vorher klar, was passieren würde bzw. wie das Schachspiel in groben Zügen aussehen würde. John war verwirrt, daher hat er eine blutende Person gesehen, die Sherlocks Klamotten trug (oder ähnliche) und schwarzes, lockiges Haar. Wirklich genau sehen, dass es Sherlock war, konnte man nicht, auch wenn ich fand, dass es sehr nach ihm aussah, aber man sieht das, was man zu sehen erwartet, das haben wir ja spätestens in „The Hound of the Baskervilles“ gerlernt…

    1. missyarvis

      Danke, Mycroft ist jetzt korrekt drin 🙂
      Das mit den Drogen ist natürlich auch eine Option. Ich denke, dass es tatsächlich Sherlock ist, der sich totstellt. Irgendwas aus „Hounds“ muss aber auch ein Clou für „Reichenbach“ sein. Vielleicht mache ich ja eine weitere Sherlock-Marathonsitzung, wenn das Wetter schlechter wird.

  4. Liv

    Hmmmm… ein Aspekt wurde hier aber dennoch übersehen. Ich habe mir die letzte Folge leider erst gestern angesehen, und für mich sieht es so aus. Sherlock springt wirklich. Er landet auf dem passierenden Transporter. Auf dem liegen diverse Müllsäcke, die den Fall (je nachdem, was in ihnen ist) abdämpfen können. Von hier rollt er auf den Bürgersteig. Fake-Blut inklusive. Bällchen unter dem arm – kein Puls.Watson abgelenkt. Sherlock wird in Mollys Labor zur Obduktion gebracht.Nun der entscheidende Punkt. Wir erinnern uns: Eines der entführten Kinder gerät nach der Befreiung in wilde Panik, als Sherlock den Raum betritt. Moriarty muss also ein Sherlock Double aufgetrieben haben. Sehr wahrscheinlich wurde diese Person erledigt. Sherlock wird das Double aufgetrieben haben. Molly wird in ihrem Labor die Echtheit bestätigen. Fertig.

    1. missyarvis

      Hallo!
      Ja, so ähnlich habe ich mir das eh vorgestellt – unter Punkt b2 🙂 Ich denke, auf dem Transporter liegen Säcke mit Krankenhaus-Wäsche. Sieht farblich irgendwie so aus (erinnert mich an die Kittel aus „Grey’S Anatomy“). Könnte natürlich auch Müll sein, auf jeden Fall könnte man den aber mit etwas Weichem präparieren. Das mit dem Puls abdrücken ist schlau beobachtet, ich habe das auch schon auf anderen Blogs gelesen. Das muss ich selbst mal ausprobieren.
      Das mit dem Double halte ich jedoch eher für unwahrscheinlich, weil Sherlock nicht der Typ ist, der jemanden „erledigt“ oder „erledigen lässt“.
      Freue mich jedenfalls schon auf die Fortsetzung 🙂

  5. minou

    Hallo Missyarvis. Nein natürlich hat Sherlock das Double nicht umgebracht. Das wurde von den Moriarty-Killern erledigt….passt alles.

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