„Parade’s End“: Ich tanze, wenn etwas mit Melodie kommt

Eigentlich ist es zu früh für ein Resümee, schließlich habe ich erst die ersten beiden Folgen von „Parade’s End“ gesehen, mehr hat die BBC noch nicht gezeigt. Einen ersten Eindruck der starbesetzten (Benedict Cumberbatch, Rebecca Hall) Verfilmung des gleichnamigen, hierzulande praktisch unbekannten britischen Jahrhundertromans kann ich aber gerne vermitteln.

Im Mittelpunkt des Fünfteilers nach dem gleichnamigen Epos von Ford Madox Ford steht der britische Gentleman Christopher Tietjens und dessen Leben im Spannungsfeld zwischen dem Niedergang der traditionellen britischen Gesellschaft und der Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er heiratet die lebhafte wie durchtriebene Gesellschaftsdama Sylvia, weil sie schwanger ist, vielleicht von ihm, vielleicht auch nicht. Später verliebt er sich in die süße junge und sexuell so unschuldige wie politisch aktive Suffragette Valentine Wannop. Er geht nicht fremd ( jedenfalls noch nicht), auch als seine Frau mit einem anderen durchbrennt, weil sie ihn aus der Fassung bringen will. Vielmehr bewahrt „Chrissie“, wie Tietjens genannt wird, Haltung und die typisch britische stiff upper lipp.

Fremdgehen, Zurücknehmen, Verlieben, dem Wahnsinn verfallene Nebencharaktere und Dispute über Macht und Manipulationsfähigkeit von Statistiken – so geht es in den ersten zwei Teilen dahin (Regie: Susanna White). Ziemlich flott, teils sieht man die Figuren durch gebrochenes Glas, teils greift die Erzählung vor, dann wieder zurück und in Erinnerung bleibt eine Dreiecksgeschichte im steifen England am Vorabend des Ersten Welkrieges und die Gewissheit, dass die Hauptfigur erstens über ein enormes enzyklopädisches Gedächtnis verfügt und zweitens ziemlich gut mit Pferden kann.

Üblicherweise leide ich beim Herzschmerz der Figuren mit, bei den ersten beiden Folgen von „Parade’s End“ waren es aber gerade die Szenen abseits der Dreiecksgeschichte, die ich stark fand: Christopher Tietjens, wie er das Kind tröstet, das vielleicht sein Sohn ist. Sylvia Tietjens, wie sie kaltschäuzig ihrem Liebhaber den Laufpass gibt, weil er sie intellektuell unterfordert.

„Would you dance?“ fragt Sylvia ihren entfremdeten Ehemann einmal.

„I would if that were dancing“, antwortet Christopher, der sich in Fantasien über die Vergangenheit flüchtet und dem die Musik zu modern ist. „Will you save me one when there’s a tune?“

Nicht nur mit Melodie kann man tune übersetzen, auch mit Haltung – aber diese Contenance, für die die britische Aristokratie so berühmt ist, auch sie verblasst im Zeitalter des Aufbruchs. Wenn man bei der Musikmetapher bleiben will – auch die Serie fand ich bisher nicht ganz im Takt. Zu hektisch ist sie an vielen Stellen, an anderen will sie Tiefe geben, kann aber nicht ganz überzeugen.

Herausragend fand ich die schauspielerische Leistung von Rebecca Hall, die Sylvia facettenreich (frustriert, verwöhnt, gelangweilt, berechnend und auch eine seltsame Art sogar liebend) gibt. Weniger im Takt fand ich Cumberbatch, von dem ich eigentlich („Sherlock“!, „Tinker Tailor Soldier Spy“!) ein großer Fan bin. Er war mir als Christopher bisher einen Tick zu rührig und zu wenig steif  – das mag ich rückblickend anders betrachten.

Neben Hall als starker weiblicher Figur sieht Adelaide Clemens als Valentine bisher noch etwas blass aus. Wunderbar fand ich Anne-Marie Duff als Ehefrau eines wahnsinnigen Priesters, der von Sex und Sünde besessen ist und gerade damit die Regeln des Anstandes unterläuft, sowie Stephen Graham als Tietjens bester Freund MacMaster (den kenne ich aus „Boardwalk Empire“, wo er Al Capone spielte).

Viele, viele Figuren kommen angeblich noch – die Fülle an Charakteren mit ein Grund, warum man in Großbritannien „Parade’s End“ als „‚Downton Abbey‘ für Erwachsene“ anpreist. Cumberbatch nannte letztere Serie sogar „sentimental, voller Klischees und grauenhaft“ – da er und „Downton Abbey“-Hauptdarsteller Dan Stevens dick befreundet sind, darf man das getrost als Marketing-Gag zum Start von „Parade’s End“ verbuchen. Cumberbatchs Kritik mag auf Staffel zwei zutreffen, in Staffel eins ist „Downton Abbey“ „Parade’s End“ um eines voraus: Die eindrucksvolle Darstellung von gesellschaftlichen Grenzen, vor allem für Frauen. In „Parade’s End“ stehen ein Mann und seine moralischen, religiösen und gesellschaftlichen Grenzen (die er sich teils selbst setzt) im Mittelpunkt.

Zu „Downton Abbey“ gibt es übrigens auch Neues, Staffel drei startet glaube ich am 14. oder 15. September auf ITV in Großbritannien: Nachdem Staffel zwei selbst für meinen Geschmack etwas zu soapy geraten ist, soll man in der dritten Staffel wieder zu dem Erfolgsrezept der Anfänge zurückkehren – Upstairs und Downstairs im engen Korsett der sich ändernden Zeiten. Das schreibt jedenfalls der „Telegraph„.

Zu „Parade’s End“ sei hier noch die (hymnischere) Kritik in der „F.A.Z.“ empfohlen, wo man viel zur literarischen Vorlage erfährt.

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3 Gedanken zu “„Parade’s End“: Ich tanze, wenn etwas mit Melodie kommt

  1. Sehr aufschlussreich. Vielen Dank. Schreib ich auf meine imaginative Liste von Serien, die ich mal „abarbeiten“ muss. (Nach Battlestar Galactica, Downton Abbey 2. Staffel, Breaking Bad 4, Staffel, Walking Dead 3. Staffel,…) Das Interessante für mich bei dieser Art von Serie ist: Das Thema lässt mich eher kalt. Bei Downton Abbey beispielsweise… die Liebes- und Sozialwirren des englischen Adels vor Ausbruch des 1. Weltkriegs ist nicht unbedingt mein Thema. Aber: Wenn eine Serie gut gemacht ist, ist das völlig einerlei. Dann findet man es spannend und bleibt dran.

  2. missyarvis

    Gerne 🙂

    Und ja, ich finde auch, das Thema an sich muss einen nicht interessieren, es kommt darauf an, wie es umgesetzt ist. Wie vielen Leuten ich von „The Wire“ vorgeschwärmt habe und die erwidert haben: Was interessiert mich Baltimore? Banausen!

    Auf meiner Liste steht übrigens noch „Deadwood“ und (ich schäme mich ja fast, das zuzugeben) „Firefly“. Und so jemand nennt sich Joss-Whedon-Fan … 🙂

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