„Shades of Grey“ als wahrer „Tod des Autors“

Ich gehe mal kurz im Genre fremd und schreibe nicht über Fernsehserien, sondern über ein Buch. Macht aber nix, denn aus dem Buch wird jetzt ohnehin ein Hollywoodfilm und vielleicht entdeckt ein Seder auch die im Trash versteckte Qualität der Vorlage (wie bei „True Blood“). Gestern Abend habe ich – ein wenig spät – mit der Lektüre von „Shades of Grey“ von E. L. James begonnen. Ich denke, ich muss das Buch hier niemandem groß erklären. Junge Studentin trifft jungen, superfeschen, superreichen Mann und zwicshen den beiden entwickelt sich eine Art Abhängigkeitsbeziehung, ein Dominanzspiel zwischen den Polen Sado-Maso-Sex und Weißter-Ritter-Romanze beginnt. Aschenputtel im Latex-Anzug quasi.

Gut geschrieben ist was anderes – trotzdem entwickelt das Buch einen (erotischen) Sog, dem man sich schwer entziehen kann. Interessanter als den Plot finde ich (zumindest derzeit noch ;)) die Entstehungsgeschichte des Buches: Begonnen hat „Shades of Grey“ als Fanfiction. Die handelnden Protagonisten waren die Helden aus Stephenie Meyers Vampirsaga „Twilight“, das Mädchen Bella und der Vampir Edward Cullen.

Ich habe selbst Erfahrung mit der Lektüre von Fanfiction. In der Wartezeit auf Band sechs der „Harry Potter“-Serie habe ich begonnen, Fanfiction zu lesen. Eigentlich bin ich darauf gestoßen, als ich herausfinden wollte, ob die anderen Leser auch glauben, dass Harry und Hermione ein Paar werden. Das war ja wohl nix, aber angesichts der letzten beiden Potter-Bände, die ich schwächer fand als Band drei, vier und fünf (letzterer ist zwar ein wenig ausufernd, aber trotzdem mein liebster) hatte ich einiges Verngügen mit Potter-Fanfiction, die es in durchaus guter Qualität gibt.

Die Grundregeln bei Fanfiction: Die Protagonisten bleiben dieselben, der Rest ist variablel. Es gibt Harry und Hermione in der klassischen Zauberwelt, im Jane-Austen-Setting, als Normalos im Gegenwartslondon, als Vampire etc. So viele Autoren so viele Spielarten.

Diese Erfahrung mit Fanfiction finde ich jetzt in „Shades of Grey“ ganz deutlich wieder – auf mehreren Ebenen. Erstens bleiben die Figuren etwas schablonenhaft. Das ist oft so, weil sie „eh jeder aus der Vorlage kennt“. Vor allem am Beginn kann man das beobachten. Je weiter die Fanfiction-Geschichte fortschreitet, desto mehr emanzipieren sich die Figuren und durchleben ihre eigene Wandlung – kriegen also ein Eigenleben. Zweitens ähnelt die Struktur jener der Fortsetzungsgeschichten, wie sie früher in Zeitungen erschienen: Fanfiction wird meist kapitelweise hochgeladen, in variablen Rhythmen. Die Autoren sind – wie alle Autoren – natürlich daran interessiert, das ihr Text gelesen wird, und zwar von möglichst vielen. Sie benutzen ganz exzessiv Strategien des Hinauszögerns, Cliffhanger, wie man sie aus Liebesromanen – und aus TV-Serien – kennt.

Was meine ich jetzt mit dem „Tod des Autors“? Keine Sorge, E.L. James lebt und genießt vermutlich ihren neuen Reichtum. Ich meine eine Diagnose, die von den beiden französischen Poststrukturalisten Roland Barthes und Michel Foucault in den 1960er Jahren erstellt wurde: Die beiden wehrten sich dagegen, dass die Literaturwissenschaft Texte „im Sinne des Autors“ interpetierte, von den Texten auf die Biografie des Autors rückschloß oder im Kontext dieser Biografien las. Der Autor war lange die Autorität für die eigenen Werke (Leitfrage: „Wie hat xy das gemeint?“). Barthes und Foucault wollten weg von dieser Sicht und stellten den Text ins Zentrum (Ohnehin: „Der Text ist klüger als der Autor“ sagte einst Heiner Müller). Durch ihre zugegeben radikale Postulierung des „Todes“ des Autors, also diese neue poststukturalistische Sicht, wurde aber nicht nur der Text selbst auf- und das „Genie“ Autor abgewertet, auch der Leser rückte weiter in den Mittelpunkt (Die Leser wurden auch in den Cultural Studies stärker gewichtet: Siehe die Lesarten-Theorie von Stuart Hall).

In „Shades of Grey“ finde ich den „Tod des Autors“ wieder – auf eine weitere Weise: Aus der Geschichte liest man das Werk eines Kollektivs heraus, einer Fanfiction-Tradition, die sich Figuren aus einem Text bedient, der ebenso in einer Erzähltradition (Vampirgeschichten, Schauerromane) steht und die Grunderzählung ist die eines Märchens – Mädchen muss viel leiden, um ihren Helden zu „verdienen“ (Aschenputtel, Cinderella). Ich habe das Gefühl, diese Geschichte schon tausendfach in verschiedensten Varianten gelesen zu haben. Vielleicht nicht mit Sado-Maso, aber mit einem von dunkler Magie korrumpierten Harry Potter oder einer zur Vampirin mutierten Hermione. Im Fanfiction-Universum gibt es sogar Wettbewerbe, bei denen es darum geht, welcher Autor (meist: welche Autorin) eine vorgegeben Handlung am besten, weil glaubwürdigsten umsetzt. Das ist nicht mehr „der Autor, das Genie“, das ist Handwerk, das ist Legospielen mit Narrationsbausteinen.

Ich würde viel darauf wetten, dass ich dutzende Floskeln und Handlungselemente (das Kennenlernen, die Rettung, das Rausschreiben des Konkurrenten im ersten Drittel) in jeder 0815- Fanfiction wiederfinde. Ob da jetzt E.L. James drübersteht, Snowqueens Icedragon oder Lorien829 ist eigentlich völlig egal. Und das finde ich interessant 🙂

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