„A Single Man“: Der fantastische Mister Firth

Mit ein paar Jahren Verspätung habe ich nun also doch das Regiedebüt von Designer Tom Ford, die Christopher-Isherwood-Verfilmung „A Single Man“ von 2009 gesehen und die halbe Nacht davon geträumt.

a single man 1Die Geschichte ist im Herbst 1962, kurz nach der Kubakrise angesiedelt. Colin Firth spielt den schwulen Collegeprofessor George Falconer, der beschließt sich an diesem Tag umzubringen. Er leidet an einem „broken heart“, wie er selbst sagt, denn sein langjähriger Partner Jim ist bei einem Autounfall gestorben. Die Handlung ist – abgesehen von ein paar Rückblenden – innerhalb eines Tages angesiedelt, von dem Moment, in dem der Professor aufwacht, bis kurz vor Morgengrauen des Folgetages.

Die Ästhetik des Filmes wurde viel gelobt und ja, sie ist toll. Ich fand gerade den Beginn vielversprechend. Falconer, wie er aufwacht, die Handlungsschritte, bis er „George“ ist und seine eigene Kommentierung aus dem Off: Beklemmend, bedrückend, Mitgefühl erregend – das ist großes Kino.

Spannungsgeladen sind die Begegnungen Georges im Laufe seines „letzten“ Tages. Die nachbarliche Musterfamilie, das Seminar auf der Uni, das er hält, eine Begegnung mit einem Hund, einem Stricher und einem kleinen Mädchen: Man weiß nie, was er tun wird. Wird er seine Maske fallen lassen? Sich „sichtbar“ machen, als Schwuler in der McCarthy-Ära?

Das alles weiß Ford sehr ästhetisch einzufangen. Lange Einstellungen, langsames Tempo, detailreiche und ausbalancierte Bilder. Hie und da erinnerte er mich an „Tinker Tailor Soldier Spy“, auch das eine Materialschlacht, aber nicht der frühen 1960er, sondern der 1970er. Und außerdem erst später entstanden. Oder die TV-Serie „Mad Men“ (Jon Hamm hat auch einen „Auftritt“ – als Stimme am Telefon, die George erzählt, dass sein Freund gestorben ist).

Herausgestochen sind zwei Interaktionen: Das Treffen mit seiner besten Freundin A Single ManCharlotte, genannt Charly (Julianne Moore), und jene mit seinem Studenten Kenny Potter (Nicholas Hoult). Insbesondere letztere lädt den Film erotisch auf. Diese schwüle Atmosphäre in Los Angeles, und dieser Seiltanz einer gefährlichen Annäherung, immer nahe am Absturz, der Abstoßung.

Wirklich herausragend ist Firth selbst. Sein Gesicht bleibt kontrolliert, britisch cool und doch vermag er Schmerz und Trauer intensivst auszudrücken. Schade, dass Ford glaubt, ihn immer wieder mittels Lichteffekten in Farbe tauchen oder ins Gräuliche verwaschen lassen zu müssen. Das bräuchte man nicht, man sieht auch so, in welchen Momenten er auflebt und in welchen untergeht. Diese Trauer hat mich so berührt, dass ich davon geträumt habe.

Apropos Untergehen: Auch da übertreibt der Designer-Regisseur, denn die Zuseher haben auch nach der ersten Einstellung von Firth, der sich (nackt) unter Wasser windet, gecheckt: Dieser Mann ist am Ertrinken. Ebenso ließe sich die wiederholte Diskussion von Leben in der Vergangenheit vs. In der Gegenwart straffen.

Enttäuscht hat mich der Schluss, denn er ist – im Gegensatz zu Isherwoods gleichnamigem Roman – eindeutig. Ein so eindeutiges Ende passt meiner Meinung nach nicht so gut zur Geschichte wie die Offenheit es getan hätte.

A Single man posterUnd, eine Kritik abseits des Filmes selbst: Um die Oscar-Chancen von „A Single Man“ zu erhöhen, hat die Weinstein Company den Trailer und das Poster enthomosexualisiert: Man sieht im Trailer, wie sich George und Charlotte küssen, ein Kuss zwischen George und Jim wurde rausgeschnitten. (Mehr dazu hier: http://www.indiewire.com/article/a_tale_of_two_trailers_the_de-gaying_of_a_single_man)

Diese Kritik schmälert die schauspielerischen Leistungen aber nicht. Firth war mit „A Single Man“ zu Recht für einen Oscar nominiert, unterlag aber Jeff Bridges („Crazy Heart“). Bekommen hat er ihn im Folgejahr für „The King’s Speech“. Manche meinten, das sein ein verspäteter „A Single Man“-Oscar gewesen.Ich glaube, das Doppel war’s.

Und noch eine kleine Notiz zu Nicholas Hoult: Der Ex-Kinderstar (der Bub aus der Nick-Horny-Verfilmung „About a Boy“!) ist ein absoluter Glücksgriff. Dabei war er eigentlich ein Ersatz. Ford hatte schon einen anderen Schauspieler gecastet, doch der tauchte fünf Tage vor Drehbeginn nicht zur Kostümprobe auf und ließ via Manager wissen, dass er aus dem Film aussteige. Angeblich soll es sich um Jamie Bell gehandelt haben. Auch er ist ein Ex-Kinderstar: Er tanzte in „Billy Elliot“.

Der britische Trailer (mit schwulem Kuss):

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